Der Psycho-Dschungel

Ein Führer durch die unterschiedlichen Berufsbezeichnungen und Titel in der Psychotherapie-Branche

In dem Haus, in dem sich meine Praxis befindet, gibt es vier Praxen von PsychotherapeutInnen. Deren Bezeichnungen auf den Praxisschildern lauten: Psychologische Psychotherapeutin, Psychotherapeutische Praxis, Ärztlicher Psychotherapeut und Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Was bedeuten diese Bezeichnungen? Was sind die Unterschiede? Nicht nur Patienten und Laien haben da Probleme, auch Ärzte anderer Fachrichtungen bzw. deren Personal blicken da nicht richtig durch. Öfters habe ich schon eine Überweisung zum „Psychologen“ bekommen (was ich nicht bin – und was auch nicht zur Durchführung von Psychotherapie qualifiziert). In diesem Beitrag will versuchen, etwas Licht in dieses Chaos zu bringen. Ich beginne mal mit:

Arzt ist jemand, der ein Medizinstudium abgeschlossen hat.

(Diplom-)Psychologe darf sich nennen, wer ein Psychologiestudium absolviert hat. Die meisten heute berufstätigen Psychologen tragen diese Berufsbezeichnung. Mit der Reform auch des Psychologie-Studiums nach dem Bachelor-/Master-System lautet heute die Bezeichnung nach erfolgreichem Abschluss des Pychologie-Master-Studienabschnitts: Master of Science (M.Sc.).

Dr. Manche Psychologen, Ärzte und Absolventen andere Universitätsstudiengänge tragen den Titel Doktor (Dr.). Sind die irgendwie besser als die anderen? Ja und Nein: Wer den Dr.-Titel führt, hat eine wissenschaftliche Arbeit vorgelegt, die den Maßstäben für den Erwerb des Titels, die sog. Promotion, genügt. Diese Arbeit ist eine originaler wissenschaftlicher Beitrag zu einer ganz speziellen Frage. Das ist viel Arbeit, zeigt, dass der Betreffende Fleiß, Intelligenz, Durchhaltevermögen und fundierte Kenntnisse mindestens in einem Spezialbereich hat. Für die praktische Arbeit im Beruf hat dies kaum Bedeutung, denn der Betreffende hat nur in einem winzig kleinen Spezialgebiet besondere Kenntnisse. Die Ausübung des Berufs ist auch ohne Dr.-Titel erlaubt. Wichtig ist er für eine evtl. Karriere an der Hochschule. Professor kann mit ganz wenigen Ausnahmen nur werden, wer vorher den Dr. gemacht hat. Ob also ihr Psychotherapeut einen Dr.-Titel hat oder nicht, ist für Sie ohne Belang. Im Alltag werden insbesondere Ärzte häufig mit Herr Dr. angesprochen. Das liegt daran, dass früher nahezu alle Ärzte den Dr.-Titel erworben haben, Dr. und Arzt in der Wahrnehmung der Patienten gleichbedeutend war. Eigentlich ist es nicht korrekt, jemand mit Doktor anzusprechen, der den Titel nicht hat. Vielleicht kann man es so sehen, wie früher in Wiener Cafes, wo jeder (männliche) Gast als „Herr Baron“ angesprochen wurde, obwohl natürlich die allermeisten nicht adlig waren.

Weder Ärzte noch Psychologen sind nach Abschluss ihres Studiums berechtigt, Psychotherapie auszuüben. Psychologie- bzw. Medizinstudium sind Voraussetzung für eine Arbeit als Psychotherapeut, aber nicht allein ausreichend. Hierzu bedarf es einer weiteren Ausbildung.

Psychologischer Psychotherapeut ist die Bezeichnung für Psychologen, die diese Ausbildung abgeschlossen haben. Sie dürfen Psychotherapien durchführen, aber noch nicht krankenkassenfinanziert. Um über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen zu dürfen, müssen sie sich erfolgreich um einen „Sitz“ beworben haben, um sich „niederlassen“, d. h. eine eigene Praxis mit Zulassung zur Abrechnung mit gesetzlichen Krankenkassen eröffnen zu dürfen. Ein Sitz ist sozusagen eine Planstelle für kassenzugelassene Psychotherapeuten. Wie viele es davon in einer Stadt oder Region gibt, legt der Gesetzgeber fest. Keineswegs alle Psychologen üben Psychotherapie aus. Viele gehen auch in andere Bereiche, wie z. B. Schulen, Werbung etc.

Bei Ärzten gibt es drei Möglichkeiten:

Ärzte, die eine beliebige andere Facharzt-Ausbildung absolviert haben, also z. B. Facharzt für Allgemeinmedizin, Internist oder Facharzt für Urologie, können eine zusätzliche Weiterbildung für Psychotherapie machen. Deren erfolgreicher Abschluss führt zum sogenannten „Zusatztitel“ bzw. Zusatzbezeichnung Psychotherapie. Auf dem Praxisschild würde man dann z. B. lesen können: Dr.med. Sabine Beispielfrau, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Psychotherapie. Man spricht auch von sog. fachgebundener Psychotherapie. In der Praxis kann aber eine Gynäkologin keineswegs nur Frauen mit entsprechenden Erkrankungen, sondern beliebige Patientinnen oder Patienten behandeln, die eine Psychotherapie brauchen. Ärzte mit einer solchen Ausbildung können sich auch als Ärztlicher Psychotherapeut bezeichnen, z. B. wenn sie ihr „altes“ Fach nicht mehr ausüben, also z. B. ein Orthopäde mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie, der nicht mehr orthopädisch tätig ist. Früher war es auch möglich, diese Zusatzbezeichnung ohne eine (abgeschlossene) andere Facharztausbildung zu erwerben.

Die zweite Möglichkeit für Ärzte ist die Qualifikation als Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Hier ist eine fünfjährige Ausbildung vorgeschrieben, neben Kliniken des Fachs auch Innere Medizin oder Allgemeinmedizin und Psychiatrie. Daneben natürlich theoretische Ausbildung, Selbsterfahrung Therapien unter Supervision wie bei psychologischen Psychotherapeuten und Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie.

Der dritte Weg für Ärzte zur Psychotherapie ist der Erwerb des „Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie“. Ebenfalls fünfjährige Ausbildung, Inhalte ähnlich wie bei Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, jedoch in geringeren Umfang theoretische Ausbildung, Selbsterfahrung und Therapien unter Supervision in der Psychotherapie – der Umfang des psychotherapeutischen Anteils entspricht dem für die fachgebundene Psychotherapie. Ein Jahr in der Neurologie verpflichtend.

Ein spezieller Fall sind Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten. Ärzte und Psychologen können die Qualifikation dazu erwerben. Zusätzlich steht diese Ausbildung aber bis jetzt auch Sozialarbeitern/-pädagogen offen. In Zukunft soll die Ausbildung dann über ein eigenes Hochschulstudium erfolgen.

Abgrenzung von anderen Berufen

Ein Psychiater, genauer Facharzt für Psychiatrie, behandelt seelische Krankheiten, ist aber nicht automatisch auch Psychotherapeut. In früheren Zeiten – und die Mehrheit der jetzt praktizierenden Psychiater hat die Ausbildung damals gemacht – war die Qualifikation zum Psychotherapeuten nicht Bestandteil dieser Facharztausbildung. Heute ist es nicht mehr möglich, den Facharzt für Psychiatrie ohne Psychotherapie-Ausbildung zu machen, daher der aktuelle Name Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, s. oben. Viele Psychiater haben früher eine kombinierte Ausbildung für Neurologie (Diagnose und Behandlung von Gehirn- und Nervenkrankheiten im körperlichen Sinne) und Psychiatrie gemacht, heißen dementsprechend Facharzt für Neurologie und Psychiatrie oder früher Nervenarzt. Viele Patienten sagen „ich gehe zum Neurologen“, sind aber eigentlich in psychiatrischer Behandlung. Natürlich können (und viele haben es auch) Fachärzte für Psychiatrie wie alle anderen Fachärzte auch die Zusatzbezeichnung Psychotherapie machen.

Heilpraktiker und Andere

Bis zur Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes waren die Begriffe Psychotherapie und Psychotherapeut nicht geschützt. So boten damals auch viele Psychotherapie an, die nicht Ärzte, Psychologen oder Sozialarbeiter waren. Um eine eigene Praxis betreiben zu dürfen, mussten sie eine Prüfung zum Heilpraktiker machen. Dies ist so heute an sich nicht mehr erlaubt. Meist werden die Leistungen heute als Beratung, Coaching, Selbsterfahrung o. Ä. angeboten. Vereinzelt findet man aber noch die Bezeichnung Psychotherapie, was wie gesagt eigentlich nicht erlaubt ist, aber wo kein Kläger ist … In Kliniken übernehmen oft andere Berufsgruppen Psychotherapie, besonders in Gruppen. Dies erfolgt dann im Auftrag und unter Supervision eines leitenden Arztes oder Psychologen und ist natürlich vollkommen sinnvoll und in Ordnung.

Psychoanalytiker

Wenn Sie im Telefonbuch nach einem Psychotherapeuten suchen, stolpern Sie u. U. auch über die Begriffe Psychoanalyse oder Psychoanalytiker. Was ist das nun wieder? Zunächst ist Psychoanalyse eine Richtung/Form von Psychotherapie, und zwar die älteste. Sie wurde von Sigmund Freud um 1900 entwickelt und ist die Mutter bzw. mindestens die Vorgängerin aller heutigen Psychotherapieformen. Sie ist vielfach weiterentwickelt, angepasst und verändert worden, also trotz der langen Tradition keineswegs altmodisch, sondern ein modernes, anspruchsvolles Therapieverfahren. Die Ausbildung zum Psychoanalytiker erfolgt an einem psychoanalytischen Ausbildungsinstitut und gehört zu den aufwändigsten Psychotherapie-Ausbildungen. Je nach Institut können nicht nur Ärzte und Psychologen, sondern auch andere Berufe Psychoanalytiker werden. Ein Beispiel ist der bekannte Theologe Eugen Drewermann. Ärzte oder Psychologen, die ihre Ausbildung an einem Psychoanalytischen Ausbildungsinstitut abgeschlossen haben, können diese Ausbildung den zuständigen Kammern (Ärztekammer bzw. Psychotherapeutenkammer) nachweisen und dann als Psychoanalytiker arbeiten und psychoanalytische Therapie als Krankenkassenleistung anbieten (sofern sie einen „Sitz“ haben, s. o.) Im ärztlichen Bereich ist das eine weitere „Zusatzbezeichnung“ wie die oben beschriebene Psychotherapie. Auf dem Praxisschild würde dann z. B. stehen: Dr.med. Rüdiger Exempel, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychotherapie, Psychoanalyse. Oder bei Psychologen z. B. Dipl. Psych. Maria Beispilia, psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin.

Soweit der aktuelle Stand nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Garantie für Richtigkeit in jeder Einzelheit. Sollten Sie Irrtümer bemerken, lassen sie es mich bitte wissen. Ganz schön kompliziert, nicht wahr? Kein Wunder, dass Laien und auch Profis sich hier nicht immer zurechtfinden. In Zukunft wird das Alles dann wieder anders werden. Im Moment wird an einem Gesetz gearbeitet, das Psychotherapie zu einem eigenen Hochschulstudium machen soll. Bis die ersten Psychotherapeuten dieses Studium abgeschlossen haben, werden aber sicher noch viele Jahre vergehen. Und nun zu der Frage, die Sie wahrscheinlich am meisten beschäftigt:

Welcher Psychotherapeut von all den beschriebenen ist für mich der Beste?

Sie haben es sicher schon befürchtet – auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. All die Qualifikationen setzen nur Standards für die Ausbildung, garantieren aber nicht die aktuelle Qualität der Arbeit und schon gar nicht, ob dieser Therapeut für Sie der Richtige ist. Ich möchte es mal mit einem Bio-Apfel vergleichen: Das Bio-Prüflabel garantiert Ihnen, dass der Apfel ohne Chemie hergestellt ist usw.. Ob der Apfel Ihnen schmeckt, das ist eine andere Sache. Einige Dinge kann man natürlich schon sagen: Kinder und Jugendliche gehen zu Kinder- und Jugendlichen-Therapeuten. Ärzten unterstellt man, da sie mehr Zeit im Krankenhaus verbracht haben, dass sie eher für die Behandlung psychosomatischer Krankheiten geeignet sind (das sind Krankheiten, die sich körperlich manifestieren, z. B. als Neurodermitis, aber seelische Ursachen oder zumindest Anteile an den Ursachen haben). Zum Psychoanalytiker wird gehen, wer eine längere und intensivere Behandlung braucht. Wer Medikamente braucht, ist beim Psychiater richtig. Ansonsten kommt es aber mehr auf andere Faktoren an, die an anderer Stelle behandelt werden.

All dies nach bestem Wissen und Gewissen, aber ohne Garantie für jede Einzelheit – diese können sich rasch ändern. Auch fließt meine eigene Sicht hier und da ein. Ich weiß, dass irgendwo im Netz eine oder mehrere? Ähnliche Übersichten vorhanden sind. Ich verspreche feierlich, dass ich nicht abgeschrieben habe! Vielleicht schau ich irgendwann mal nach und ergänze Sachen, die ich vergessen habe oder korrigiere Fehler.